Bellinzona als Innovationszentrum
Was bedeutet Innovation für die Stadt Bellinzona?
In den letzten Jahren hat sich die Stadt für die Gründung und Entwicklung eines biomedizinischen Forschungszentrums engagiert. So sind insbesondere das IRB Istituto di ricerca in biomedicina (Biomedizinisches Forschungsinstitut) und das IOR Istituto oncologico di ricerca (Onkologisches Forschungsinstitut) entstanden und gewachsen. Die beiden national und international anerkannten Institute beschäftigen heute rund 300 Personen, darunter Forscherinnen und Forscher aus aller Welt.
Welche Funktion nimmt in diesem Zusammenhang der Switzerland Innovation Park wahr?
Es geht darum, Privatinitiativen und in den Exzellenzzentren von Bellinzona entwickelte biowissenschaftliche Forschung zusammenzubringen. Ziel der Zusammenarbeit ist es, Innovation anzuregen und zu fördern. Hier werden technische Ressourcen, Räumlichkeiten, Know-how und ein Rechtsrahmen bereitgestellt, um die Entstehung öffentlich-privater Partnerschaften zu ermöglichen. Der Innovationspark will als Impulsgeber für Innovationsprozesse und Forschung sowie als Anziehungspunkt für Unternehmen fungieren.
Fördern strategische Investitionen in Start-ups die wirtschaftliche Entwicklung von Bellinzona? Wie kann die Stadt solche Initiativen langfristig unterstützen?
Die Stadt unterstützt solche Initiativen in finanzieller und logistischer Hinsicht; insbesondere hat sie sich an den Baukosten für die Einrichtung der zuvor erwähnten Standorte beteiligt, die benötigten Grundstücke im Rahmen von Baurechten zur Verfügung gestellt und Räumlichkeiten in eigenen Gebäuden bereitgestellt, in denen Unternehmen aus der Biowissenschaft tätig sein können.
Welche Faktoren machen Bellinzona zu einer attraktiven Stadt für Unternehmen und Erwerbstätige?
Unternehmen finden hier ein Umfeld, in dem andere Einrichtungen und Firmen tätig sind und das die logistischen Bedingungen, das Know-how und die technologischen Hilfsmittel bereitstellt, die in Netzwerken gemeinsam genutzt werden können. Ausserdem befinden wir uns in einem wirtschaftlichen und politischen Umfeld der Sicherheit und Stabilität; die Stadt und die Region sind sehr gut mit der übrigen Schweiz verbunden, aber auch Mailand ist nur eineinhalb Stunden entfernt. Bellinzona hat sein eigenes Glasfasernetz aufgebaut, das einfache und sichere Telekommunikationsverbindungen ermöglicht. Hinzu kommen das angenehme Klima und die schöne Landschaft. Und schliesslich die hohe Dichte an Dienstleistungen für die Bevölkerung, sowie die im Vergleich zu anderen Regionen deutlich günstigeren Wohnkosten.
Welches sind heute die grössten wirtschaftlichen und finanziellen Herausforderungen für die Stadt Bellinzona?
Bellinzona hat sich lange als Standort für öffentliche Verwaltungen präsentiert. Heute besteht die Herausforderung darin, der Stadt ein Profil zu verleihen, das auch andere Tätigkeits- oder Produktionsbereiche einbezieht, insbesondere den Sektor der biomedizinischen Forschung. Wichtige Initiativen kommen auch aus dem Tourismus, mit dem Projekt der Aufwertung von Baudenkmälern des UNESCO-Weltkulturerbes (Festung) und der Landschaft (Weinbau, Flusspark, Mountainbike-Routen).
Wie kann eine Stadt wie Bellinzona die eigene finanzielle Widerstandsfähigkeit stärken, um auf Konjunkturschwankungen sowie auf strukturelle Herausforderungen wie starke demografische Veränderungen oder auf Extremereignisse vorbereitet zu sein?
Bellinzona verfügt nicht über dieselbe Finanzkraft wie andere städtische Zentren der Schweiz. Ihr Steueraufkommen ist noch stark von natürlichen Personen abhängig. Auch wenn diese Situation keine grossen Sprünge zulässt, insbesondere was die Steuerbelastung betrifft, so bietet sie doch insofern einige Vorteile, als die Stadt weniger oder in geringerem Ausmass unter Konjunktur- oder Marktschwankungen leidet. Gleichzeitig muss gesagt werden, dass Bellinzona nicht über das nötige Potenzial verfügt, die ständigen Lastenüberwälzungen von Kanton oder indirekt vom Bund problemlos zu verkraften und abzufedern.
Ein Blick in die Zukunft: Welche Vision haben Sie für Bellinzona als Wirtschaftszentrum und Lebensort in den nächsten 20 Jahren?
Bellinzona zählt heute über 45 000 Einwohner, und seit etwa zehn Jahren erleben wir ein beständiges Bevölkerungswachstum: Die zentrale geografische Lage, die einfachen und schnellen Verkehrsverbindungen, das optimale Verhältnis zwischen Dienstleistungsqualität und Kosten, und daher in letzter Konsequenz die Lebensqualität machen die Stadt für viele Menschen interessant; insbesondere auch für junge Familien. Die Herausforderung besteht darin, anhand einer Reihe von bereits erwähnten strategischen Projekten eine wirtschaftliche und unternehmerische Dynamik zu schaffen, die nicht mehr allein auf dem Verwaltungsapparat und den Dienstleistungen der Stadtverwaltung basiert.
Mario Branda geboren am 15. Februar 1960, Jurist in Genf, Rechtsanwalt. Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Leiter des Aufsichtsamts für Vormundschaften (Ufficio di vigilanza sulle tutele), Staatsanwalt von 2001 bis 2010. Seit 2011 Inhaber einer Anwaltskanzlei in Bellinzona. Mitglied des Grossen Rates von 2011 bis 2012. Stadtpräsident von Bellinzona seit 2012.
